History: Volksaufstand in der DDR - 17. Juni 1953 Halle (Saale) vor 73 Jahren: Mutige Frauen braucht das Land heute
- Alexander K. Ammer
- 13. Juni
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 14. Juni

Mutige Vorbilder für heute vom 17. Juni 1953 in Halle (S
Gerade in Zeiten, da Verunsicherung und Zweifel breit gestreut sind, lohnt ein neugieriger Blick in unsere Geschichte. Nach vielen vergangenen Jahrzehnten werden historische Ereignisse nicht unrelevanter, sondern im Gegenteil. Neue, kritische Analysen und die Einbindung von ZeitzeugInnen eröffnen gerade erst mit der „historischen Ferne“ vergangener Jahrzehnte positive und hoffnungsvolle Einsichten.
Im Juni jährt sich jedes Jahr ein Ereignis, dass nicht mehr im Gedächtnis vieler Menschen verankert ist. Der Volksaufstand in der DDR vom 17. Juni 1953 hat in mehr als 70 Jahren (nicht-) Erinnerung einiges durchgemacht. Als bundesdeutscher Feiertag 1990 zu Unrecht unter den Teppich der Wiedervereinigungs-Euphorie gekehrt, konnte erst mit der unabhängigen und breiten Sichtung von ehemaligen Stasiunterlagen in den 2010er Jahren viel neu aufgedeckt werden.
Bereits 2001 versuchte meine Mutter, Jutta-Regina Ammer, die Rolle von jungen Frauen beim Volksaufstand am 17. Juni 1953 in Halle (Saale) ins Augenmerk zu rücken. Vergeblich. Niemand interessierte sich „damals“ für winkende und lachende, junge Frauen auf wiedergefundenen schwarz-weiß Bildern von vor 60 Jahren. Es waren nicht nur irgendwelche Aufnahmen, es waren genau jene Bilder, die Jutta-Regina Ammer am 17. Juni 1953 als unerschrockene Filmassistentin mithalf aufzunehmen.

Ich erinnere mich noch genau, als meine Mutter mit Bildabzügen in der Hand mich ansah und sagte: „Schau her. Junge Frauen, wie ich es damals auch war, protestieren. Sie winken mir, oben neben der Kamera. Mit einer der Krankenschwestern sprach ich später. Wie mutig wir waren…“
Am 17. Juni 2026 jährt sich der Volksaufstand in der DDR zum 73. Mal. Über 10 Jahre kämpfte meine Mutter um die richtige Deutung der Bilder, die sie mitgedreht hatte. Nicht nur jeden Juni kommen mir viele zum Teil schmerzliche Erinnerungen in den Sinn, aber auch ihre Worte: „Wie mutig wir waren.“
Wir das sind wirklich viele Menschen. Zunächst die demonstrierenden und fröhlich in die Kamera winkenden Krankenschwestern. Es gibt ältere und jüngere. Meine Mutter war 1953 gerade 22 Jahre alt geworden. Sie identifizierte sich mit den lachenden und mutigen Krankenschwestern. Großen Mut besaßen auch die Frauen, die vor dem Frauengefängnis der kleinen Steinstraße für die Freilassung der Angehörigen demonstrierten. Oft und immer wieder blickte meine Mutter auf die Bildvergrößerungen der Einzelbilder von ihren belichteten Film vom 17. Juni 1953 in Halle (Saale).
„Die Frauen sind genauso jung wie ich“. Höre ich sie in meinem Erinnerungen sprechen. Die jungen Frauen, die am 17. Juni 1953 auf die Straßen in Halle (Saale) strömten, um für die Freiheit von Angehörigen in DDR-Gefängnissen zu protestieren (oder die Krankenschwestern auf dem Marktplatz) sprühten voller Tatendrang. Die lauten Sprechchöre forderten freie Wahlen und riefen zum Sturz des DDR-Regimes auf.
Träume von mehr Freiheit und Hoffnungen auf eine bessere Zukunft leuchten in ihren fröhlichen Gesichtern. Die Filmkamera des Chefs von Jutta-Regina, des Kameramanns Albert Ammer hielt diese einmaligen, historischen Szenen auf Bildmaterial fest.
Der Kameramann Albert Ammer verschwand als einer der ersten im Stasi-Gefängnis und verbüßte drei Jahre Zuchthaus für die Filmaufnahmen. Das Filmmaterial diente zur Identifikation der – nach DDR-Regime Meinung „faschistischen Aufrührer“ – also auch der lächelnden Frauen. Im Nebel der brutalen und fantasiereichen DDR-Propaganda wurde der millionenfache Aufstand des DDR-Volkes zum Unrechtsaufbegehrens des „Tages X“.
Der Mut der Krankenschwestern, der Kameraassistentin, des Kameramanns und tausender UnterstützerInnen wurde umgedeutet. Selbst die junge, wiedervereinte Bundesrepublik kümmerte sich eher wenig wahrheitssuchend um die Ereignisse von 1953. Zu viel anderes, scheinbar wichtigeres gab es zu klären und zu besprechen. So benötigte es eben weitere Jahrzehnte, bis die erhaltenen Filmbilder aus Halle (Saale) mit den lächelnden Demonstrantinnen endlich etwas ehrliche Aufmerksamkeit gewannen.

Ich halte wieder eine der Einzelbilder mit den fröhlichen und winkenden Frauen auf dem Marktplatz in Halle (Saale) in meinen Händen. Ich denke daran, dass sich 2023 die Tochter einer der winkenden Demonstrantinnen meldete, nachdem sie die Aufnahmen erstmals in einer TV Dokumentation erblickte. Noch nie hatte sie diese Aufnahmen gesehen. Doch sie kannte die Erzählungen ihrer inzwischen verstorbenen Mutter, dass sie mit einer Freundin – beides Krankenschwestern – am 17. Juni 1953 protestierte. Auf einem der Bilder laufen beide in der ersten Reihe und winken meiner Mutter.
Dieser Mut der jubelnden Frauen auf dem Marktplatz in Halle (Saale) am 17. Juni 1953 rührt mein Herz. Die mutigen Aktionen dieser nie ins Rampenlicht gerückten Frauen ist für mich ein leuchtendes Vorbild.
Vorbild für das engagierte Eintreten für freiheitliche Überzeugungen. Vorbild für den straken und unerschütterlichen Glauben an die Hoffnung in dunklen Zeiten. Vorbild dafür, sich stark solidarisch zu zeigen, mit unterdrückten Personen ohne an mögliche, negative Repressalien zu denken. Dies alles verdient meinen höchsten Respekt.
Gerade heute benötigt unser Land wieder solch mutige, fröhliche und engagierte Menschen. Anstatt zu „meckern“ und zu „beklagen“, zeigen uns die jungen und lachenden Demonstratinnen von 1953 wie positives Handeln Akzente setzen kann. Dank der Filmarbeit von Jutta-Regina Ammer und ihrem späteren Ehemann, dem Kameramann Albert Ammer, sind die Bilder vom fröhlichen Volksaufstand in Halle (Saale) am 17. Juni 1953 unvergänglich. Heute, 73 Jahre später finden die protestierenden und winkenden Frauen endlich immer mehr verdiente Aufmerksamkeit.
Die jubelnden und jungen Frauen auf Ammers Aufnahmen sind moderne Vorbilder im besten Sinne einer wehrhaften Demokratie. Seit Dezember 2025 hängt eines der Filmbilder von Albert Ammer im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.
Stellvertretend für alle mutigen Demonstrantinnen, die im Juni 1953, für Recht und Freiheit
protestierten. Sehr mutig und energiisch gegen einen im Aufbau befindlichem Unrechtsstaat DDR. Gegen erneute Staatspropaganda, die Privilegien von wenigen schützte und massenweise Unschuldige in Gefängnisse sperrte.
Mut, Solidarität und fröhliche Zuversicht sprechen aus Albert Ammers Bildern vom 17. Juni 1953 und den lachenden Gesichtern der Frauen. Diese jungen Menschen sind meine Heldinnen der Vergangenheit. Und ja: die demonstrierenden Frauen, winken meiner unerschrockenen Mutter, die mit einem feierlichen, weißen Kleid vom Dach eines LKWs den Frauen entgegen winkt. Eigentlich wollte Jutta-Regina Lau ihre bestandene
Meisterprüfung feiern. Doch sie folgte lieber Albert Ammer ganz hoch hinaus auf das Dach des LKWs, mit der schweren Filmkamera – für alle Hallenser deutlich zu sehen.
Wie meine Mutter mir berichtete, entstand in jenen Minuten zur Mittagszeit, eine inspirierende Stimmung von Aufbruch und neuer Zukunft. Obwohl die Demonstrantinnen sich nicht kannten, fühlten sie sich zusammen gehörig. Eng vereint im Wunsch nach mehr Freiheit und einer glücklicheren Zukunft. Sie waren bereit für die neue und bessere Zukunft einzutreten und zu kämpfen. Sie versteckten sich nicht. Jedermann sollte sie sehen. Demonstrierend, freudig und voller positiver Energie.
Diese „wir machen das“ Energie benötigen wir heute mehr denn je in Deutschland. Kein deprimierendes Wehklagen. Kein Verstecken, keine Wut, sondern Lachen für die Zukunft. Wenn die Frauen dies am 17. Juni 1953 im Angesicht der brutalen DDR-Repressalien konnten, sollte uns dies 2026 erst recht gelingen: Mit Optimismus, „wir machen das“ Einstellung, großem Lachen und der Bereitschaft sich die Hände zu reichen und anzupacken. Gemeinsam kann dieses Land mit Optimismus bewegt werden und gemeinsam nach in die Zukunft gehen.
Ich setzte mich dafür ein, am 17. Juni 1953 beispielhaft neue Helden und Vorbilder für unsere Zukunft zu entdecken. An einem Tag im Juni 1953 marschierten viele Demonstrantinnen und Protestierende, gerieten Jahrzehnte in propagandistische Vergessenheit und erstehen heute als leuchtende Beispiele engagierten und frohen Handelns für ein besseres Land.
Der 17. Juni 1953 könnte als neuer, moderner Feiertag dienen. Als Tag des richtigen Mutes. Als Tag vorbildlicher und ewig jugendlicher Zivilcourage.
Gerade mit dem historischen Abstand von über 70 Jahren gibt es gerade am 17. Juni 1953 aufregende, spannende und vorbildliche, deutsche Geschichte zu entdecken. Eine gerechte Gesellschaft basiert auf Mut und Mitmachen. Selten waren hunderttausende von Deutschen im positivsten Sinne so mutig wie am 17. Juni 1953.
Seien wir mutig und schöpfen wir Kraft aus unserer Geschichte. Ich lasse mich von dem Lächeln und dem ansteckenden Mut der jungen Demonstrantinnen auf Alberts Bilder inspirieren. Schauen wir genau hin. Es gibt in unserer Geschichte allerbeste Vorbilder zu entdecken.
Ammers Bilder bleiben. Die mutigen Frauen vom 17. Juni 1953 winken ewiglich – auch heute zu uns.
Mehr zu einzelnen Bildern und faszinierend vorbildlicher Geschichte hier in einem Artikel von Alexander K. Ammer.
Mehr zu den Bildern an den originalen Drehorten hier.



Kommentare